14Jan

Zurück ins Leben in Obertauern

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Es war am 23.06.2013. Das Ergebnis der Stanzbiopsie meiner rechten Brust war da und die Sprechstundenhilfe meines Frauenarztes war so komisch am Telefon. Ich solle gleich mal reinkommen, der Arzt würde das Ergebnis gerne selbst mit mir besprechen. Das dann folgende Arztgespräch beinhaltete nichts Gutes. „Sie haben Brustkrebs!“ hieß die Diagnose. Brustkrebs mit 39 Jahren. Das war ein Schock!

Was dann folgte, ist unbeschreiblich und kann eigentlich nur jemand nachvollziehen, der schon mal eine Krebserkrankung erfahren musste. Weinkrämpfe, Angst, und dann Chemotherapie – neoadjuvant, das heißt vor der Operation. Alle drei Wochen, insgesamt acht mal. Zuerst vielen mir die Haare auf dem Kopf aus, dann langsam die Augenbrauen, dann nach und nach auch die Wimpern. Das Gift tat seinen Dienst: Schnellwachsende Zellen töten. Zum Glück reagierte auch der Tumor empfindlich und bildete sich größtenteils zurück. Dann folgte am 28. November 2013 die große Operation der Brust. Beide Brüste wurden mir abgenommen, eine sogenannte subkutane Mastektomie mit Sofortwiederaufbau durchgeführt.

Bereits gebucht: Skiurlaub zu Weihnachten

Brustkrebs mit 39 Jahren. Das war ein Schock!

Brustkrebs mit 39 Jahren. Das war ein Schock!

Nach der Operation konnte ich mich kaum noch bewegen. Armbewegungen waren kaum möglich, die Wunden heilten schlecht. Mir ging es nicht gut. Zwar war der Tumor nun entfernt, aber ich hatte immer noch so große Angst vor der Krankheit. Und war sehr depressiv und geschwächt.

Meine Familie (meine Mutter, mein Bruder, meine Schwägerin, mein Neffe und meine Nichte) hatte bereits im Januar 2013 für Weihnachten 2013 ein Ferienhaus in Obertauern gebucht. Wir wollten Weihnachten im Schnee verbringen und natürlich auch Skifahren. Nun stand dieser Urlaub ja monatelang auf der Kippe, weil keiner wusste, ob ich überhaupt kann, geschweige denn irgendwie nach Österreich komme, oder die Kraft haben werde, mich im Schnee zu bewegen. Aber ich habe die ganzen Monate über meine Familie gebeten, den Skiurlaub nicht zu canceln. Dieser Skiurlaub hat mich am Leben gehalten. Ich hatte ein Ziel vor Augen. Ich wollte Weihnachten mit meiner Familie im Schnee in Obertauern verbringen.

Soll ich oder soll ich nicht...?

Soll ich oder soll ich nicht…?

Knapp 6 Wochen nach der Operation in den Skiurlaub zu fahren, erscheint ziemlich unrealistisch. Und eine 10 Stündige Autofahrt hätte ich wohl auch nicht überstanden. Ich buchte mir stattdessen aber einen Flug von Düsseldorf nach Salzburg und teilte meiner Familie mit, dass sie ruhig mit dem Auto fahren könnten, ich würde mit meiner Mutter zusammen nach Salzburg fliegen und sodann mit dem Shuttlebus weiter nach Obertauern fahren. Gesagt getan. Meine Mutter musste zwar meinen Koffer schleppen – das ging mit meinen OP-Narben leider nicht – aber wir kamen unversehrt im Bergführer Blockhaus in Obertauern an.

Allein mit Berg, Schnee und Sonne

Die nächsten zwei Tage war ich einfach nur froh im Schnee in den Bergen zu sein. An Skifahren war für mich eigentlich nicht zu denken, aber nach zwei Tagen strahlender Sonnenschein und besten Pistenbedingungen juckte es mich dermaßen in den Fingern, dass ich zum Skiverleih stapfte, nach einer Ausrüstung fragte und mir diese dann auslieh. Mein Bruder erklärte mich für verrückt, trug mir aber selbstverständlich die Ski nach draußen, weil tragen konnte ich diese wirklich noch nicht.

Es machte Klick – zweimal. Die Bindung schnappte zu. Im Schlittschuhlauf schlitterte ich langsam zur Achenreinbahn und fuhr einfach so den Berg hoch. Unterwegs wurde mir ganz anders. War ich zu leichtsinnig? Frische OP Narben, ziemlich bewegungseingeschränkt, und dann Skifahren? Würde ich das überhaupt schaffen. Hatte ich genug Kraft zum Skifahren?

Geschafft!

Geschafft!

Als ich oben angekommen war, war die Piste fast leer und es war strahlender Sonnenschein. Was für ein beeindruckendes Bild. Die Berge, der klare blaue Himmel, die schöne frisch gezogene Piste. Ich bat meine Familie mich einen Moment allein zu lassen um die Berge zu genießen. Sie respektierten meinen Wunsch und ließen mich ein paar Minuten allein mit dem Berg, dem Schnee und der Sonne. Ich schloss die Augen. Die warme Sonne kitzelte mich auf der Nase. Und dann tat ich es. Ich fuhr einfach los. Ich wedelte den Berg hinunter, zwar vorsichtig, aber fast so als wäre nichts gewesen. Unterwegs entwichen mir ein paar Jauchzer. Ich hatte Freudentränen in den Augen und buchstäblich das Grinsen im Gesicht. Ich konnte Skifahren! Ohne Probleme. Ich konnte mich bewegen. Die Schmerzen der OP Narben waren wie weggeblasen. Ein wundervoller Moment.

Als ich unten angekommen war, war ich ein anderer Mensch. Meine Angst war verschwunden. Ich war wieder die alte Marion. Ich konnte mich wieder bewegen. Keine Schmerzen mehr.

Ich bin dann noch zweimal an diesem Tag die Achenreinbahn hoch. Und an den darauf folgenden 2 Tagen auch. Ich war der glücklichste Mensch auf diesem Planeten. Obertauern hat mich zurück ins Leben geholt. Seitdem geht es mir hervorragend. Seelisch und körperlich. Leider fehlt im Moment etwas das Geld für einen erneuten Obertauern Besuch, aber dafür wird gespart. Ich komme wieder, fast jedes Jahr.

 Vielen Dank an Marion Krükkert ihren tollen Beitrag und für die Bilder!